Birgit Winterhoff
Ein Korb voller Federn
(Auszug)

In einer ländlichen Gemeinde hatte eine böse Verleumdungsgeschichte die Runde gemacht und großes Unheil angerichtet. Der Urheber des Gerüchts, ein Landwirt, bekam schließlich Gewissensbisse und ging zum Pfarrer, um sich die Sache von der Seele zu reden.

Dieser machte ihm einen seltsamen Vorschlag: „Gehen Sie nach Hause und schlachten Sie ein schwarzes Huhn. Rupfen Sie ihm alle Federn aus, auch die kleinsten, und verlieren Sie keine davon. Dann legen Sie die Federn in einen Korb und bringen ihn zu mir.“

Der Mann dachte, dass es sich um einen alten Brauch handle, und tat, was er tun sollte. Sein Korb war voller schwarzer Federn.

„So“, sagte der Pfarrer, „jetzt gehen Sie langsam durch das Dorf und streuen alle paar Meter einige Federn aus. Dann steigen Sie auf den Kirchturm und schütteln den Rest auf das Dorf hinunter. Dann kommen Sie wieder her zu mir!“

Nach einer Stunde erschien der Mann wieder mit dem leeren Korb beim Pfarrer. „Schön“, meinte der freundlich. „Und jetzt gehen Sie durch das Dorf und sammeln alle ausgestreuten Federn wieder in den Korb. Aber sehen Sie zu, dass keine fehlt!“

Der Mann starrte den Pfarrer erschrocken an und sagte: „Aber das ist unmöglich! Der Wind hat die Federn in alle Richtungen verstreut!“

„Sehen Sie, so ist es auch mit Ihren bösen Worten gegangen. Wer kann sie wieder einsammeln und zurücknehmen und ihre Wirkung ungeschehen machen? Denken Sie an die kleinen schwarzen Federn, wenn Sie das nächste Mal wieder in Versuchung geraten, Wörter auszustreuen und über andere zu reden!“

Christoph Morgner, Hrsg.:
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem
Das Lesebuch zur Jahreslosung 2011
ISBN 978-3-7655-4103-2, 9,95 Euro

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